Hildegard und der Kaiser

Kaiser Barbarossa erwartet die Äbtissin in seiner Pfalz in Ingelheim. Seit 17 Jahren befindet er sich im Streit mit Papst Alexander III..

Es ist das Jahr 1163. Kaiser Friedrich I. Barbarossa unterstützt nacheinander vier Gegenpäpste: Viktor IV., Paschalis III., Kalixt III. und Innozenz III. Europa leidet unter dem Schisma von 1159, welches nach dem Tod Papst Hadrians IV. ausgebrochen war. Nach der Wahl von Papst Alexander III., der die Unabhängigkeit der Kirche betonte, wählten Gegner Viktor IV. zum Gegenpapst, der die Interessen der Kirche den Interessen des Kaisers unterordnete. Diese Haltung der Gegenpäpste verurteilt Hildegard von Bingen scharf: „GOTT wird ein Strafgericht über Dich kommen lassen!“ Der Kaiser hört der Ordensfrau lange zu und stellt auf dem Hoftag zu Mainz im selben Jahr einen Schutzbrief für ihr Kloster aus. Wieder zu Hause auf dem Rupertsberg bei Bingen schreibt sie ihm zur Bekräftigung: „Du, König, regiere mit dem Zepter der Barmherzigkeit, damit Du nicht einst angeklagt wirst vor GOTT!“ Zeit vergeht. Dann endlich der Friede von Venedig 1177. Kaiser Friedrich I. Barbarossa muß Alexander III. als rechtmäßigen Papst anerkennen. Das Schisma ist beendet.

Äbtissin auf dem Rupertsberg

Für die Benediktinerin Hildegard sind die Bibel und die Regel des hl. Benedikt am wichtigsten. Für ihr Kloster schreibt sie ein Mysterienspiel, komponiert 70 lateinische Choräle, dichtet Lieder, schreibt Erklärungen zu den Evangelien und steht im Briefwechsel mit Päpsten, Bischöfen, Königen und kleinen Leuten. Um vor der Lauheit des Glaubens zu warnen, wandert sie zu Fuß bis Metz und Trier und predigt auf Marktplätzen. „Buße statt Vergnügen“ ist ihre Botschaft. 1165 gründet sie das Tochter‐Kloster Eibingen bei Rüdesheim, ausgestattet mit einem eigenen RöhrenSystem für frisches Wasser. Äbtissin Hildegard ist zugleich die größte Ärztin und Natur‐Forscherin ihres Jahrhunderts. Sie kennt Heilkräuter, Tiere und die Medizin des Volkes. Hunderten kann sie mit ihrem Kräutergarten an der Klosterpforte helfen. Ihre Ab handlung „Prophetissa Teutonica“ ist das erste systematische Werk über Naturheilkunde in Europa.

Vom Teufel versucht

Hildegard wird auch von bösen Geistern gepeinigt. Neben all den anderen körperlichen Leiden und Krankheiten, die sie zeitlebens heimsuchen. So hört sie die Dämonen sagen: „Laßt sie an GOTT zweifeln und IHN lästern, weil sie so leiden muß!“ Doch die Heilige gibt nicht nach. Demütig antwortet sie GOTT: „Was DU über mich kommen läßt, ist gut. Ich habe all das verdient.“ Dann der Streit mit dem Mainzer Domkapitel: Als ein junger Edelmann stirbt, wird er mit Hildegard Erlaubnis auf dem Klosterfriedhof beigesetzt. Was Hildegard allerdings nicht wußte, ist, daß sich der Verstorbene im Kirchenbann befand, also laut Kirchenrecht nicht bestattet werden durfte. Hildegard weigert sich jedoch, den Mann wieder ausgraben zu lassen, denn sie hält an der Heiligkeit der Grabesruhe fest. Mainz verhängt das Interdikt über das Kloster als Strafe: Kein Glockengeläut mehr, keine Heilige Messe, keine Beichte mehr auf dem Rupertsberg. Doch die Äbtissin bleibt unbeugsam. Nach einem Jahr gibt Mainz nach und hebt das Interdikt auf. Als sie 1179 mit 81 Jahren stirbt, leuchten am Himmel zwei Regenbogen auf, die sich kreuzen, im Zentrum ein heller Mond und ein rotes Kreuz, umgeben von vielen bunten Kreisen, die gleichfalls ein Kreuz tragen.

Sr. M. Anja Henkel
Buch: Mit den Heiligen durchs Jahr (10 €)

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