{"id":9906,"date":"2025-05-02T18:59:23","date_gmt":"2025-05-02T16:59:23","guid":{"rendered":"https:\/\/christliche-mitte.de\/?p=9906"},"modified":"2025-05-05T21:37:47","modified_gmt":"2025-05-05T19:37:47","slug":"wie-ich-1945-das-kriegsende-erlebte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/christliche-mitte.de\/index.php\/2025\/05\/02\/wie-ich-1945-das-kriegsende-erlebte\/","title":{"rendered":"Wie ich 1945 das Kriegsende erlebte"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mai 1945. Meine Mutter und eine Nachbarin liegen sich in den Armen: \u201eEs ist Frieden!\u201c Wir sind aus Liegnitz\/Schlesien ins Riesengebirge zu unserer Gro\u00dfmutter vor den Russen gefl\u00fcchtet. Mutter hatte sich geweigert, mit ihren S\u00f6hnen (13, 12, 11, 8) in einen Zug nach Dresden einzusteigen: \u201eNicht im Krieg in eine Gro\u00dfstadt!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kilometerweit stapfen wir mit un\u00adseren Schlitten durch den Schnee. Im Mai 1945 kapituliert Deutschland, doch f\u00fcr uns ist der Krieg noch lange nicht zu Ende.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>21 Leute in einer Wohnung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Gro\u00dfmutter Hirts Wohnung in Petersdorf ist noch im Februar 1945 der Flur belegt. Jeden Morgen bitten wir in der Kirche f\u00fcr unseren Vater und all die Soldaten an der Front. Wir glauben fest, da\u00df der Herrgott sie und uns besch\u00fctzen kann. L\u00e4ngst sind die Schulen mit Verwundeten \u00fcberf\u00fcllt. Auch die \u00e4lteren M\u00e4nner m\u00fcssen jetzt zum \u201eVolkssturm\u201c. Frauen und wir Kinder m\u00fcssen Panzergr\u00e4ben ausheben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Russen marschieren ein<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Pl\u00f6tzlich aber ist das Leben im Dorf wie ausgestorben, denn russische Soldaten marschieren ein. Um abzulenken, damit die Russen nicht unsere M\u00fctter vergewaltigen, stellen wir Jungen uns an den Gartenzaun und bieten dem Soldatentrupp Wasser an. Zuerst m\u00fcssen wir immer selbst einen Schluck nehmen. Ein Soldat probiert meine Brille an, die ihm zum Gl\u00fcck nicht pa\u00dft. Abends kommt ein russischer Offizier mit seinem Burschen ins Haus. Beide benehmen sich ehrenvoll, verlangen aber Abendessen und wollen Fotos von meinem Vater sehen, der Offizier ist. Beide schlafen auf dem Boden. Das Pferd, das den Wagen meiner aus Breslau ge\u00adfl\u00fcchteten Oma Jerusalem ge\u00adzo\u00adgen hat, wird uns weggenommen. So fangen wir Jungen ein herrenloses Panjepferd ein, umwickeln den Hals und zwei Beine, und es bleibt bei uns. Mit diesem Pferd kann Gro\u00dfmutter Jerusalem sp\u00e4ter wieder nach Breslau zur\u00fcckfahren, in die Hauptstadt Schlesiens, die 1930 bei einer Volksz\u00e4hlung noch zu 97 Prozent deutsche und nur 3 Prozent polnische Einwohner hatte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Die wirre Nachkriegszeit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach den Russen kommen die Polen. Deutsche m\u00fcssen wei\u00dfe Armbinden tragen. Als Strafe f\u00fcr den Besuch einer deutschen Geheimschule werde ich einen Tag lang von der polnischen Polizei festgehalten. Mit einem Balken verbarrikadieren wir abends die Haust\u00fcr. Einmal werde ich von polnischen Soldaten in das etwa zehn Kilometer entfernte Agnetendorf verschleppt, in die Heimat des Dichters Gerhart Hauptmann (\u20201946). Als ich nachts entwischen kann und heimkomme, beten Mutter und Gro\u00dfmutter immer noch. In einem Bach finde ich bald darauf ein paar hundert Reichsmark. Unsere schlimmsten Finanzn\u00f6te sind behoben. Sechzehnmal laufen mein Bruder Klaus und ich 16 Kilometer weit nach Birngr\u00fctz, wo gute Bauern Kartoffeln und Milch verkaufen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann 1946 die Ausweisung aus unserem lieben Schlesien. Pl\u00f6tzlich m\u00fcssen wir innerhalb von ein paar Stunden aus Petersdorf fort, f\u00fcr immer. Irgendwohin, Richtung Westen. Als wir Petersdorf verlassen, l\u00e4uten gerade die Glocken zur heiligen Messe. Je 35 Personen kommen in einen G\u00fcterwaggon. Am Ortseingang von Petersdorf fliegen Blumen zu uns herein. Ein Abschiedsgru\u00df unserer Jugendfreunde. Jemand stimmt das Riesengebirgslied an, und von Waggon zu Waggon pflanzt sich \u201edu meine liebe Heimat\u201c fort. Inmitten dieser Vertreibung und Flucht aber ist unser Herz ruhig. Wir ruhen ja alle in Gottes Hand. Ein Geheimnis.<br><em>Pfr. Winfried Pietrek<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Buch: <a href=\"https:\/\/christliche-mitte.de\/index.php\/buch-ueber-telefon-oder-per-mail-bestellbar\/\" data-type=\"page\" data-id=\"6540\">Memoiren <\/a>(10 \u20ac)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mai 1945. Meine Mutter und eine Nachbarin liegen sich in den Armen: \u201eEs ist Frieden!\u201c Wir sind aus Liegnitz\/Schlesien ins Riesengebirge zu unserer Gro\u00dfmutter vor den Russen gefl\u00fcchtet. Mutter hatte sich geweigert, mit ihren S\u00f6hnen (13, 12, 11, 8) in einen Zug nach Dresden einzusteigen: \u201eNicht im Krieg in eine Gro\u00dfstadt!\u201c Kilometerweit stapfen wir mit&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":9937,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[139,4,3],"tags":[],"class_list":["post-9906","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-geschichte","category-kurier-der-christlichen-mitte","category-beitraege","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/christliche-mitte.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9906","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/christliche-mitte.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/christliche-mitte.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/christliche-mitte.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/christliche-mitte.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9906"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/christliche-mitte.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9906\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9909,"href":"https:\/\/christliche-mitte.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9906\/revisions\/9909"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/christliche-mitte.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media\/9937"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/christliche-mitte.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9906"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/christliche-mitte.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9906"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/christliche-mitte.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9906"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}