{"id":3996,"date":"2020-06-05T22:41:45","date_gmt":"2020-06-05T20:41:45","guid":{"rendered":"https:\/\/christliche-mitte.de\/?p=3996"},"modified":"2020-06-05T22:43:54","modified_gmt":"2020-06-05T20:43:54","slug":"fortunatus-thanhaeuser-bruder-der-armen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/christliche-mitte.de\/index.php\/2020\/06\/05\/fortunatus-thanhaeuser-bruder-der-armen\/","title":{"rendered":"Fortunatus Thanh\u00e4user &#8211; Bruder der Armen"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Krankenbruder im wei\u00dfen Habit steht innen am Fenster seiner winzigen Hilfsbaracke. Vor ihr im Freien hat sich eine lange Schlange von Notleidenden angesammelt. Mit jedem Einzelnen spricht der Sechzigj\u00e4hrige in Malayalam, der Sprache des s\u00fcdindischen Bundesstaates Kerala. Manchmal bl\u00e4ttert Bruder Fortunatus in seinem Notizb\u00fcchlein, ob er den \u201eKunden\u201c schon kennt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fr\u00fcher hat der Berliner in Breslau und sp\u00e4ter in Frankfurt\/Main Kranke gepflegt. Dann ist er dem Ruf des Generals der Barmherzigen Br\u00fcder gefolgt, hat sogar die indische Staatsangeh\u00f6rigkeit an\u00adgenommen. Jetzt greift er bald in das winzige Regal hinter sich nach einem P\u00e4ckchen Reis, dann sucht er ein passendes Kleidungsst\u00fcck oder holt kleine Rupie-Scheine aus seinem Brustbeutel, damit einer sich Salz oder etwas Zucker kaufen kann. Dann wieder kommt er, eine Medizin-Tasche in der Hand, aus seinem Geh\u00e4use nach drau\u00dfen, um einen Verletzten zu verbinden. Die Schlange will und will nicht enden. Es f\u00e4llt Fortunatus nicht leicht, Geduld zu wahren. Darin sind Inder uns Deutschen unendlich \u00fcberlegen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nachmittags nimmt der Ordensmann mich mit zu seinen Obdachlosen im Bergland dieses Idukki-Distriktes, au\u00dferhalb des St\u00e4dtchens Kattappana. Ein junger indischer Krankenbruder f\u00e4hrt uns ein St\u00fcck im Jeep. Dann stapfen wir lange durch schmale Urwaldwege. Schlie\u00dflich gelangen wir zu einer zusammengebrochenen H\u00fctte. Notd\u00fcrftig ist sie wiederaufgerichtet und mit einigen Plastik-Planen beh\u00e4ngt. Die Bewohner sehen elend aus, sind aber selig, als sie Fortunatus erblicken. Ein paar Lebensmittel hat er als Geschenk mitgebracht. Neben der H\u00fctte schwelen Holzst\u00fccke zwischen den Kochsteinen, auf denen ein Topf mit Wasser steht. Hunderten schon hat der Bruder w\u00e4hrend seines Lebens zu einem regen- und winddichten 28qm-H\u00e4uschen verholfen, wann im\u00admer 2.500 \u20ac aus Deutschland zu\u00adsam\u00admenkommen. Lebenslang ha\u00adben die Zwei-Euro-Tagl\u00f6hner f\u00fcr ihr kleines Berggrundst\u00fcck mit Garten an den Staat abzuzahlen. Und beim Material-Transport und Hausbau tatkr\u00e4ftig mitzuhelfen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf dem R\u00fcckweg treffen wir einen Lepra-Kranken. Seine angegriffenen F\u00fc\u00dfe sind ohne Verband, ohne Schutz mitten im Staub der Landstra\u00dfe. Gottlob hat Fortunatus alles Notwendige in seinem kleinen Rucksack. Der Fachmann reinigt die F\u00fc\u00dfe, desinfiziert und verbindet sie. Ich bin gl\u00fccklich, da\u00df meine alten Sandalen genau \u00fcber die Verb\u00e4nde passen und sie sch\u00fctzen. Freudestrahlend zieht der Mann weiter. Mit meinen hochgekrempelten Hosenbeinen falle ich auf und kaufe mir im St\u00e4dtchen f\u00fcr zwei Euro ein paar Latschen. Ihre Halterung f\u00fchrt jedoch zwischen den Zehen hindurch, was ein paar Tage lang Schwierigkeiten macht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fortunatus, aufgewachsen im Glatzer Bergland, ist ein schlichter, tiefgl\u00e4ubiger Beter. Er wird 87 Jahre alt. In Kattappana ist er unvergessen. Als er alt und schwach wird, holt ihn seine Gemeinschaft zur\u00fcck nach Frankfurt. Er ist gehorsam, aber nicht gl\u00fccklich. Er bittet den Ordensgeneral, da\u00df er \u201enach Hause\u201c darf, nach Kattappana. Nach einem Jahr l\u00e4\u00dft man ihn zur\u00fcck zu seinen Armen nach Indien. Ein paar Jahre lang lebt er in einem von ihm gegr\u00fcndeten \u201eHaus f\u00fcr arme M\u00e4nner\u201c wie einer von ihnen, tr\u00f6stend und betend. Nicht einmal mehr eine Zelle mit Vorhang hat er f\u00fcr sich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jetzt ist sein Grab nicht weit weg vom M\u00e4nnerhaus, wo oft ein Dankbarer eine Kerze im Sand anz\u00fcndet. Auch der zust\u00e4ndige Bischof <strong>Arackal<\/strong> von Kanjirappally und Ordensgeneral <strong>Jesus Etayo<\/strong> kommen zum Grab. Das Volk dr\u00e4ngt: \u201eBruder Fortunatus ist sicher ein Heiliger. Wenn nicht er, wer dann?\u201c 2020 darf er offiziell \u201eDiener Gottes\u201c genannt werden. Die von ihm begr\u00fcndete indische Ordensprovinz z\u00e4hlt inzwischen 50 Krankenbr\u00fcder und 25 Kandidaten. Da kein Frauen-Orden f\u00fcr diese Arbeit zu begeistern war, hat Fortunatus die Johannes-von-Gott-Schwestern begr\u00fcndet, inzwischen weit \u00fcber 100 Ordensfrauen, dazu Postulantinnen und Novizinnen. Mutig haben sie auch im nordindischen Orissa, einer Verfolgungs-Region, eine Niederlassung unter den Adivasi begonnen, unter der indischen Urbev\u00f6lkerung. <br>Pfr. W. Pietrek<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Krankenbruder im wei\u00dfen Habit steht innen am Fenster seiner winzigen Hilfsbaracke. 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